Vom Leben und Sterben.

Es gibt ein Thema, das lässt mich sprachlos sein. Es geht ums Sterben. Klar, wir alle wissen, dass wir sterben werden – und doch, wenn es im Familien- oder Freundeskreis konkret wird, merke ich meine Hilflosigkeit.

Was sind die richtigen Worte, die man sagt – gibt es die überhaupt? Soll man darüber schweigen? Fragen, wie es dem anderen / dem Sterbenden geht?

Wir haben verlernt, mit dem Tod umzugehen – er hatte zumindest für mich immer etwas Erschreckendes, Nicht-Fassbares.

Das erste Mal bewusst erlebte ich ihn zu meinem 5. Geburtstag: mein einziger und deshalb ‘Lieblings-Opa’ starb. Man sagte es mir nicht – und so merkte ich nur, dass er nicht an meinem Geburtstag da war. Ich kann mich erinnern, dass ich sehr traurig war: hatte ich irgendwas gesagt oder getan, dass er mich nicht mehr lieb hatte, um zu meinem Geburtstag zu kommen?! Als einige Tage später meine Mutter mir sein Grab zeigte und mir sagte, dass er nun darin läge – verstand ich die Welt noch viel weniger. Ich erinnere mich an all die Blumen – und wenig später schlich ich heimlich auf den Friedhof und habe mit dem Versuch begonnen, ihn auszugraben. Ich glaub, ich wurde mächtig ausgeschimpft deshalb – erinnern tue ich mich daran nicht mehr.

Den Tod meiner Großmutter mit 22 habe ich bewusst erleben dürfen – allerdings in einem Schweigen im Vorfeld und auch danach. Natürlich habe ich geweint – oh Gott, wenn ich an die Beerdigung denke, und irgendwie wußte ich auch durch meinen christlichen Glauben, dass es nach dem Tod weitergeht … aber eben: ich war sprachlos.

Seither war ich glücklicherweise nur auf wenigen Beerdigungen – zwar auf ein paar sehr ergreifenden, aber wie gesagt: wenigen. Allerdings habe ich viel ‘theoretisch’ über das Sterben erfahren und gesprochen. Mit Menschen, die ihre Angehörigen begleitet haben, mit Klienten, die beispielsweise ihre Kinder verloren haben. Habe die Bücher von Elisabeth Kübler-Ross gelesen, die wirklich Mut machen und Hoffnung geben.

Nur ist es etwas anderes, wenn man selbst in der Situation ist. Oder wenn Menschen, die Dir etwas bedeuten, zu Dir sagen: wir haben jetzt die lebensverlängernden Massnahmen eingestellt. Uff.

Was sagt man?! ‘Alles ist gut?!’, ‘Es ist das Beste?’, ‘Ihr habt alles Mögliche getan?’, ‘Willst Du reden?’, ‘Was kann ich tun für Dich?’ …. Scheiße (sorry für das Wort) – ich weiß nicht, was man sagt. Ich weiß nicht, was man braucht. In der BRIGITTE ist es nicht nachzulesen. Leider, denn ansonsten finde ich hier ziemlich jedes Thema, was mich mit 38 interessiert. (bin BRIGITTE-Fan und oute mich jetzt ganz offiziell)

Sterben ist noch immer ein Tabu. Eines, was jeden betreffen wird – viel wahrscheinlicher, als der Partner eine neue Stelle 400 km entfernt bekommt oder man im Job gemobbt wird, oder dass die beste Freundin einem den Mann ausspannt.

Früher gehörte Sterben zum Leben dazu. Die Toten sind meist zu Hause gestorben – waren einige Tage aufgebahrt zu Hause. Ich wünsche mir sehr, dass man sich, genauso wie über Kochrezepte oder Businessideen oder -outfits darüber austauschen kann, wie man einen geliebten Menschen in den Tod begleiten kann, bzw. auch darüber, was man selbst in dieser Phase benötigt. In einer Phase, wo man seine Kraft zusammennimmt, um für den Sterbenden da zu sein. Und doch auch in seiner Familie / in seinem Job ‘funktionieren’ muss.

Oder dass man zu seiner Hilflosigkeit stehen kann – zu seinem Nicht-Wissen, was ist richtig. Dass man Mut hat, sich in seiner Trauer, Verzweiflung, Angst, Hoffnung … zu zeigen. Das sind doch normale Gefühle in einer solchen Situation. Sehr normale Gefühle, wie ich finde.

Im Februar sah es so aus, als würde meine Oma sehr schnell sterben. Darauf informierte ich John P. Strelecky, dass ich wohl nicht zu seinem Seminar in Amsterdam kommen würde – daraufhin schickte er mir folgende Tipps:

I have an idea for you. I believe at the end what most want is to feel their life had meaning. If you haven’t already ask her about her favorite museum day moments. Ask her her greatest pieces of life wisdom for you and to pass to your kids.
Let her know of the things-specific things she has taught you and how it has impacted your life.
It’s a great gift to validate someone in their last moments.

Ich habe eine Idee für Dich. Ich glaube, am Ende wollen die meisten das Gefühl haben, dass ihr Leben eine Bedeutung hatte. Wenn Du es noch nicht gemacht hast, frage sie nach ihren Lieblings-Museumstag-Momenten. Frage sie nach ihrer größten Lebensweisheit für dich und zum Weitergeben an deine Kinder.
Lass sie wissen, welche Dinge, welche konkreten Dinge sie dich gelehrt hat und wie es dein Leben beeinflusst hat.
Es ist ein großartiges Geschenk, jemanden in seinen letzten Momenten Anerkennung zu geben.

Es war ein ganz besonderer Tag, als ich mit meiner Oma darüber sprach. Über das Sterben, ihre Angst, darüber, dass ihr Mann und meine andere Oma auf der anderen Seite auf sie warten. Darüber, dass ich sie vermissen werde, wenn sie nicht mehr hier ist, aber gleichzeitig ihr sagen konnte, wie viel ich gelernt habe von ihr. Ich habe ihr eine Postkarte geschenkt mit Schmetterlingen – und ihr die Geschichte erzählt, dass sie jetzt die Raupe ist, die Sterben muss, um als Schmetterling geboren zu werden.

Dieses erste Mal reden mit ihr war eine Art ‘break through’ – seitdem ist es sehr viel leichter. Manchmal will sie schweigen und nur die Hand halten. Manchmal erzählt sie. Manchmal schimpft sie ein wenig (aber selten). Allerdings geht es ihr auch wieder besser, wofür ich von Herzen dankbar bin. Für jede Stunde, die ich noch mit ihr verbringen, sie in den Arm nehmen kann.

Vor ein paar Tagen hatte ich Geburtstag. Mein schönstes Geburtstagsgeschenk war die Umarmung meiner Oma, denn noch im Februar hätte ich dies nicht für möglich gehalten…

Lassen Sie eine Antwort

Felder mit Sternchen müssen ausgefüllt werden.